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Mehr als nur ein Nebensatz.

Warum es keine emanzipatorische Antikriegspolitik ohne Antisexismus geben kann

Mit diesem Text möchten wir auf eine Thematik aufmerksam machen, die in antimilitaristischen Zusammenhängen selten Platz findet. Auch in der Mobilisierung gegen die NATO- Sicherheitskonferenz in München spielen antisexistische und feministische Aspekte nur in Nebensätzen eine Rolle.

Für uns bedeutet emanzipatorische Antikriegspolitik immer auch, die vorherrschende Geschlechterordnung und patriarchale Strukturen mit einzubeziehen und anzugreifen.

Kriegsmobilisierung, Drill und militärisches Selbstverständnis funktionieren nur mit dem Rückgriff auf strenge Hierarchien und eine Rollenzuweisung in ein Oben und Unten. Durch die Militarisierung einer Gesellschaft wird so die bipolare Geschlechterhierarchie verstärkt. Männern1 zugeschriebene Eigenschaften wie Härte, Disziplin und Autorität sind im Militär institutionalisiert.

Verstöße gegen die heteronormative Ordnung und „weiblich“ besetzte Eigenschaften, wie etwa reproduktive Fähigkeiten und Emotionalität, werden als „zersetzend“ betrachtet. Beispielsweise wurde es in Teilen der US-Armee bis vor einem Jahr unter Strafe gestellt, schwanger zu werden. Auch ist es international kaum möglich, dass sich homosexuelle Soldaten1 outen, ohne mit negativen Sanktionen durch die „Kameraden“1 oder durch das Gesetz rechnen zu müssen.

Angesichts dieser Aspekte erscheint es umso absurder, dass zur Legitimation von Kriegseinsätzen das Militär als „heldenhafter Befreier“ unterdrückter Frauen1 dargestellt wird, wie beispielsweise im Krieg in Afghanistan. Die Situation der dort lebenden Frauen1 war schon Jahre vorher bekannt.

Krieg bedeutet für die meisten Frauen1 keineswegs Befreiung, sondern massive Existenznöte, Flucht, menschliche Verluste und die Bedrohung, Betroffene von sexualisierten Übergriffen und Vergewaltigungen zu werden.

In Kriegs- und Nachkriegszeiten nehmen sexualisierte Folter, Übergriffe und Vergewaltigungen in den betroffenen Regionen stark zu. Sie sind ein zentraler und besonders grausamer Bestandteil von Kriegsführung. Dabei geht es nie um Sexualität, sondern um Macht, Unterdrückung und Herrschaft. Sexualisierte Gewalt kann Bestandteil eines systematischen und kalkulierten Vorgehens sein, um die Mitglieder einer Gemeinschaft zu erniedrigen, Macht über sie auszuüben, sie einzuschüchtern und psychisch zu zerstören.

Auch nach dem Krieg sind in den betroffenen Regionen die Zahl sexualisierter Übergriffe und Vergewaltigungen häufig weitaus höher, als zu Friedenszeiten. Sie können grausames Mittel sein, eine für den Täter1 als verloren empfundene patriarchale Ordnung wiederherzustellen, begünstigt durch das Ausbleiben strafrechtlicher Konsequenzen. Dabei geht es nicht um den tatsächlichen Verlust des Patriarchats, sondern darum, nach einer persönlichen Entmachtung und Erniedrigung ein Gefühl von Macht gewaltsam wiederzuerlangen.

Die Folgen für betroffene Frauen1 sind nicht nur physische und psychische Verletzungen, sondern auch gesellschaftliche Stigmatisierung und Ausschluss aus ihren Familienverbänden.

Nach internationalem Kriegsrecht galten bis vor einigen Jahren Vergewaltigungen scheinbar als hinzunehmende Kollateralschäden. Erst 2008 definierte die UNO sexualisierte Gewalt als „Kriegstaktik“ und klassifizierte diese als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.

Diese Aspekte sind ein Grund, warum es keine „antisexistischen Kriegseinsätze“ geben kann. Wenn Kriege unter dem Vorwand der Frauenbefreiung geführt werden, werden Frauen1 zu Objekten militärischer Strategie, auf deren Rücken andere Kämpfe ausgefochten werden.

Antipatriarchale und antimilitaristische Kämpfe sind für uns eng miteinander verbunden, da sich patriarchale Herrschaft und Militär gegenseitig ergänzen, festigen und unterstützen.

Deshalb solidarisieren wir uns mit emanzipatorischen Bewegungen und den Leidtragenden von Kriegen. Solidarisierung mit Staaten und Gruppierungen, die als Träger patriarchaler, nationalistischer, und militaristischer Logik fungieren, lehnen wir ab.

Fight sexism! Fight war!
München, Februar 2011

aka_muc
asab_m (Antisexistisches Aktionsbündnis München)

1 Wir benutzen die Begriffe „Frauen“ und „Männer“ im Bewusstsein, dass Geschlechter sozial konstruiert sind. Wir verwenden hier diese Kategorien, um die bestehenden Geschlechter- und Machtverhältnisse nicht zu verschleiern. Der Fokus dieses Flyers ist auf die spezifische Situation von Frauen* ausgerichtet, deshalb möchten wir darauf hinweisen, dass auch Männer* betroffen von sexualisierter Kriegsgewalt sind.


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