Warnstreik bei Großbäckerei Glockenbrot in Bergkirchen


Am 20.8.20 traten die Arbeiter*innen der Großbäckerei Glockenbrot GmbH im Industriegebiet GADA Bergkirchen in einen eintägigen Streik. Im Rahmen der Tarifverhandlungen für die Brotindustrie fordern die Kolleg*innen unter dem Mantel der Gewerkschaft NGG 6,2% mehr Lohn, mindestens aber linear 160 Euro mehr monatlich bzw. 80 Euro monatlich mehr für Azubis¹ . Zudem fordern sie mehr Respekt und Anerkennung hinsichtlich ihrer während der Corona-Pandemie zusätzlich auferzwungenen Sonderschichten.

Mitte März erließen die Bezirksregierungen, dass man zusätzliche Schichten und Arbeitszeitverlängerungen, sowie Kürzung von Pausen legalisieren kann. Das betraf alle so bezeichneten systemrelevanten Berufe, die anfangs noch beklatscht wurden. Vom Applaus hatten die Arbeiter*innen nichts, dafür mussten sie mehr schuften. Glockenbrot hatte Grund zu klatschen und machte in Form von Überstunden und besagten Sonderschichten von dem Erlass Gebrauch. Das Unternehmen mit Sitz in Frankfurt a. M. betreibt bundesweit zwei Großbäckereien in Frankfurt und Bergkirchen. Glockenbrot gehört seit 1986 zur Rewe Gruppe. Von Frankfurt und Bergkirchen aus werden täglich 1400 Rewe, 800 Penny und zahlreiche Nahkauf Filialen v.a. im südlichen Bundesgebiet beliefert². Eigentlich eine gute Ausgangslage, um Druck aufzubauen. Außerdem beharrt die Unternehmensseite auf einer tariflichen Nullrunde, was die Kolleg*innen als klare Provokation empfinden.
Das Backgewerbe ist mittlerweile industrialisiert. Die kleinen Betriebe bilden vielleicht noch aus, einen Job bekommt man danach fast nur noch bei den industriellen Großbäckereien, in denen die Produktion größtenteils maschinell läuft und man wenn nur Bleche mit Semmeln rein und raus schiebt. So genannte Lieferbäckereien. Glockenbrot hat hier ein breites Sortiment an fertigen Brotwaren, Selbstbedienungswaren (SB-Bereich) und halb gebackenen Teigwaren, die vor Ort im Supermarkt aufgebacken werden (Bake-off-Stationen)³. Ein harter Job in ständiger Hitze, eine stupide entfremdende Tätigkeit mit beschissenen Arbeitszeiten oben drauf.

Es war der erste Streik in Bergkirchen. Dementsprechend vorsichtig ging die NGG den Kampf an. Von den dort 350 beschäftigten Arbeiter*innen beteiligten sich 70 aus zwei Schichten, was aus dem Stand heraus gar nicht schlecht ist. Gegenüber der Lokalpresse sah sich der zuständige Gewerkschaftsfunktionär zu der Aussage genötigt, man habe die Produktion nur heruntergefahren, denn „wir wollen nichts kaputt machen.“ Die NGG will das vielleicht nicht, den Arbeiter*innen wird es herzlich egal sein, ob genug Backwaren in die Rewe-Ableger gelangen. Im Gegenteil, indem man die Produktion so weit wie möglich herunter fährt, bestenfalls zum Stillstand bringt, blockiert man den Ablauf des Unternehmens und so macht Glockenbrot weniger Umsatz und letztlich weniger Gewinn. Genau das ist der Sinn eines Streiks. Die Produktion von Mehrwert durch Arbeitsleistung wird unterbrochen, wird für einen gewissen Zeitraum kaputt gemacht. Durch Streik bekommen die Kolleg_innen die eigene Kraft zu spüren und die sollten sie Glockenbrot dann im weiteren Verlauf des Kampfes spüren lassen. Corona hat uns unsere eigene Rolle im kapitalistischen Karussell wieder vor Augen geführt. Zeit zurück zu schlagen!

¹ https://bayern.ngg.net/artikel/2020/bayernweite/
² https://glocken-baeckerei.de/standorte.html
³ https://www.boeckler.de/pdf/p_study_hbs_378.pdf