Arbeiter_innenkampf trotz oder gerade wegen der Pandemie?


Bevor es losgeht: Das ist nicht das hundertste Thesenpapier, nicht die hundertste linke Kurzanalyse. Dies ist eine Aufreihung von Beispielen, eine Anregung zur Diskussion, ein Plädoyer für unsere Klasse.

Dachau zeigt sich gerade von seiner solidarischen Seite, z.B. durch die Errichtung eines so genannten Gabenzauns oder durch die Corona Hilfe Dachau. Doch was ist mit den Menschen jenseits der „eigenen“ vier Wände? Was ist mit den Menschen, die nicht den Schutz des Home Office genießen, die an der Supermarktkasse, in Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhaus und Pflegeheim arbeiten oder Busse fahren müssen? Diese gerade so abgefeierten und vom Balkon beklatschten „systemrelevanten“ Berufe haben einen solch miesen Lohn, dass man sich auch keine große Wohnung leisten kann.
Tatsächlich gehört es zu einer funktionierenden Gesellschaft mit dem Bus von A nach B fahren zu können, rund um die Uhr in ein Krankenhaus gehen zu können, das der Müll abgeholt, die Post ausgeteilt wird und man sich irgendwo etwas zu essen kaufen kann (bzw. vielmehr muss). Dass diese Berufe beschissen entlohnt und die Arbeitsbedingungen hart sind sind war noch nie ein Geheimnis, nur hat es den Großteil der Gesellschaft einfach nicht interessiert.
Diese Arbeiter_innen sind aktuell in der Corona Krise die Verlierer und sie werden nach der Corona Krise auch zu den Verlierern gehören. Großkonzerne bekommen staatliche Finanzhilfe und das nicht zu knapp. Die Arbeiter_innen haben weiter schlechte Arbeitsbedingungen, zu wenig Kohle, eine zu kleine Wohnung und für sie wird am Ende wieder nichts übrig bleiben. Oder besser gesagt, man wird weiter nichts für sie übrig haben. Denn die kapitalistische Show muss ja irgendwie weiter gehen.

Aber: „Das Kapital setzt (…) die Lohnarbeit, die Lohnarbeit setzt das Kapital voraus.“ Das heißt ohne Lohnarbeit kein Mehrwert, ohne Mehrwert kein Kapital. Sie brauchen uns! Wir wollen hier über Arbeiter_innenkampf und Selbstermächtigung berichten. Denn jetzt in der Corona Krise begehren vielerorts Lohnabhängige auf, fordern ihre Rechte ein. Trotz oder gerade weil diese Arbeiter_innen jetzt weiter schuften müssen – für ein System, das sie als billige Stützen braucht, um sich weiter am Laufen zu halten. Dafür sind viele Arbeiter_innen nicht gewillt ihre Gesundheit zu riskieren. Dabei warten sie nicht auf Erlaubnis, sondern ergreifen selbst die Initiative.

Amper Kliniken Dachau
Am Dachauer Klinikum forderte die Unabhängige Betriebsgruppe „ausreichend Arbeits- und Schutzmaterial, sowie die Einhaltung von Isolations- und Hygienestandrads und nicht deren Aufweichung.“ „Seit Jahren“, so schreiben sie in einer Erklärung vom 2.4.2020, „werden unsere Belange ignoriert und unsere Proteste ausgesessen, während der Klinikkonzern Profite einfährt.“ In der jetzigen Situation fordern sie v.a. Gesundheitsschutz: „Wir sind kein Kanonenfutter!“ Aktuell wurde das ganze Krankenhaus unter Quarantäne gestellt, wie die Lokalpresse berichtet. Wohl u.a. auch, weil man den Forderungen der Arbeiter_innen nicht nach kam und sich nun Personal mit dem Corona Virus infiziert hat.

Kaufland Plauen
„Die Sicherheitsvorkehrungen in den Plauener Kaufland-Filialen sind nach Angaben von Beschäftigten nicht ausreichend. Auf Wunsch der Kund_innen hin wurden einzelne Sicherheitsmaßnahmen sogar rückgängig gemacht, andere Mängel wiederum sind dem Personalnotstand geschuldet. Deutlich wird: Die Beschäftigten haben Angst um ihre Gesundheit.“ Die FAU Plauen kämpft mit den Arbeiter_innen seit Ende März gegen Ausbeutung und Gesundheitsgefährdung: „Wir halten den Kopf nicht hin.“

Am härtesten betroffen von der Pandemie ist Italien. Die in den Krankenhäusern beschäftigten Arbeiter_innen sind bereits weit über die Grenzen des menschlich leistbaren gelangt. Und sogar dort gaben die in der syndikalistischen USI (Unione Sindicale Italiana) organisierten Arbeiter_innen Ende März eine Erklärung heraus. „Gesundheitsarbeiter_innen werden als Helden gefeiert, aber sie haben Jahre andauernde katastrophale Arbeitsbedingungen ausgehalten.“ Und weiter: „Das Vermächtnis dieser Pandemie muss ein umfassender Kampf“ für ein anderes Gesundheitssystem sein.

Park Royal Lebensmittelfabrik London
„Die drei Fabriken und ein Lagerhaus stellen 80% des britischen Hummus sowie Fertiggerichte und gekühlte Lebensmittel für alle großen Supermärkte her. Die Belegschaft in den Betrieben besteht zu fast 100% aus Migrant*innen. Die Mehrheit der Arbeiter*innen ist über 50 Jahre alt und eine bedeutende Minderheit über 60 Jahre. Viele von ihnen haben gesundheitliche Probleme. Diese Arbeitskräfte werden nun als „essentiell“ angesehen, damit die Regale in unseren Supermärkten gefüllt bleiben. Man würde erwarten, dass zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden: dass der Abstand von zwei Metern auf dem Fließband eingehalten wird, dass die Leute Masken erhalten, dass die Pausen gestaffelt sind, damit der Abstand in der kleinen Kantine eingehalten werden kann. Nichts davon wird jedoch getan.“ Bericht der Angry Workers Corona Crisis – Can Workers Fight Back Against The Jobs vs Health Trap

Amazon Arbeiter_innen in Polen
Amazon gehört zweifellos zu den Gewinnern der Corona Krise und ist auf der anderen Seite für seine miserablen Arbeitsbedingungen, inklusive drakonischer Strafmaßnahmen, berüchtigt. Im Stammwerk Poznan stellt die syndikalistische Gewerkschaft IP (Inicjatywa Pracownicza) die Mehrheitsgewerkschaft und in ihr organisieren sich seit einigen Jahren die Arbeiter_innen zur Verbesserung ihrer Lage. In der Corona Krise fordern sie sofort den Betrieb einzustellen, da die Arbeiter_innen Sicherheitsabstände nicht einhalten können. „Wir wissen, dass Onlinehandel in Zeiten der Krise Profite bringen, aber als Arbeiter_innen wissen wir auch, dass diese Profite nicht in unsere Taschen gehen.“ In den polnischen Amazon-Lagern schuften täglich Tausende.
Die Amazon Workers International haben ebenfalls einen ähnlichen Forderungskatalog aufgestellt. „Wir, Amazon-ArbeiterInnen aus der ganzen Welt, werden nicht schweigen, während die Gier unserer Bosse und die Feigheit einiger Regierungen und Behörden uns alle gefährden. Wir rufen die Arbeiterinnen und Arbeiter weltweit dazu auf, ihre Mitmenschen und sich selbst zu schützen und Abstand zu halten, sich aber gleichzeitig zu organisieren, zu protestieren und bereit zu sein, zurückzuschlagen!“

Man sieht ganz klar, in allen Beispielen wird die körperliche Gesundheit der Arbeiter_innen aus reinem Profitinteresse aufs Spiel gesetzt, ihre Ansteckung mit einem Virus billigend in Kauf genommen, der bereits mehrere tausend Menschen das Leben gekostet hat. Die Interessen derer, die für die Schaffung von Kapital notwendig sind, sind dem Kapital nicht nur gleichgültig, sie sind den Interessen des Kapitals diametral entgegen gesetzt! Zwischen Kapital und Lohnarbeit kann es keine Einigung geben. Das ist nicht neu, tritt aber in dieser Krise noch deutlicher zu tage. Die Krise ist natürlich auch eine ökonomische, deren Folgen danach wieder auf die gesamte Arbeiter_innenklasse abgewälzt werden. Dennoch zeigen diese Beispiele auch, dass es so etwas wie Selbstermächtigung gibt, dass Arbeiter_innen selbst für ihre Interessen kämpfen und zwar nicht weil ihnen linke Schlaumeier das so beigebracht haben, sondern, weil sie erkannt haben, dass sie es müssen, um an ihrer Lage etwas zu ändern. Vielleicht ist das mehr als ein Lichtblick in einer äußerst düsteren Zeit.