Zerstörung des Kunstwerks am Dachauer Bahnhof ist politisch zu werten

Seit 4.8.19 findet anlässlich des 100 jährigen Bestehens der Künstlervereinigung Dachau (KVD) eine Ausstellung von Kunstwerken im öffentlichen Raum statt. Die Künstler_innen beklagen seitdem die Zerstörung ihrer Werke. Es wurden beispielsweise Keramikskulpturen zerstört. Ein Kunstwerk sticht bei diesen Vorfällen heraus. In der Unterführung der Frühlingstraße am Dachauer Bahnhof sind an zwei gegenüber liegenden Wänden Bilder angebracht. Das eine zeigt deutsche Kolonialherren vor über 100 Jahren, das andere Geflüchtete aus dem Jahr 2015. Auf dem Boden war ursprünglich eine Art Teppich, auf dem stand „Sie kamen übers Meer“. Bereits in der ersten Nacht wurde der Teppich und das Bild aus der Kolonialzeit abgerissen. Mittlerweile wurde das Bild insgesamt dreimal zerstört, zuletzt in der Nacht von 19.8. auf den 20.8.19. Auch mittels Werkzeug, da die Plane mit dem Bild regelrecht zerschnitten wurde. „Sie kamen übers Meer“ wurde von der Künstlerin ersatzweise als Schriftzug auf den Boden gesprüht.
Unter einem darauf Bezug nehmenden Artikel im Merkur wird die Zerstörung in den Kommentaren gerechtfertigt.

„Wer Kunst missbraucht um mit extremen politischen Botschaften öffentlichen Raum zu besetzen, sollte mit Antworten rechnen“. Oder: „So ist das: Es mag nicht Jeder diese Art von „Kunstwerken“ die schon mal in Manipulation und Falschinformationen ausarten ….Basta“ (alle Schreibweisen im Original). Kann man bei den Skulpturen noch von Vandalismus ausgehen, sieht es bei dem Vice Versa Kunstwerk in der Bahnhofsunterführung schon anders aus. Selbst wenn Kommentarspalten nicht wirklich repräsentativ sind, zeigt es dennoch, dass hier bei einigen ein Nerv getroffen wurde. Die Leute fassen das als ein politisches Statement auf und sehen dem Anschein nach Deutschlands Namen beschmutzt. Darüber hinaus wird eine revisionistische Geschichtsauffassung propagiert. Ein Kommentar behauptet: „Bei der Installation von VICE VERSA wären auf der Gegenseite statt Kolonialisten aus Deutschland, die sich nur ein paar Jahre in Afrika betätigten, Bilder belgischer, englischer, französischer, portugiesischer Kolonialherren weitaus passender.“ Und weiter: „Aber in Zeiten, wo sich Deutsche sogar für schönes Wetter kasteien, interessieren sich Künstler nicht wirklich für historische Zusammenhänge.“ Der Kommentator offensichtlich auch nicht. Denn zurecht darf man die Ausbeutung und Unterdrückung Afrikas ins Gedächtnis rufen und die Flucht von Menschen ins reiche Westeuropa und das noch reichere Deutschland in einen Zusammenhang bringen. Auch mittels Kunst.

„Ich vernichte die aufständischen Stämme in Strömen von Blut“¹
Darüber hinaus ist die deutsche Kolonialherrschaft bis heute nicht ausreichend aufgearbeitet. Von Beginn an wurde die afrikanische Bevölkerung enteignet und unterdrückt, um schließlich als Arbeitskraft ausgebeutet zu werden. Die Afrikaner galten als „Wilde“, als klar minderwertige. Sie wurden vertrieben oder versklavt. Einige Ereignisse der deutschen „Betätigung“ sind jedoch eindeutig. In Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) kam es 1904-1908 zum Aufstand der Herero, dem sich die Bevölkerungsgruppe der Nama im Verlauf anschlossen. Der von Deutschland niedergeschlagene Aufstand der Herero wird historisch als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts bezeichnet. 40.000 bis 60.000 Herero und 10.000 Nama wurden getötet. Das entspricht bei den Herero 75-80% der Bevölkerung. Der ursprüngliche Plan des Generalleutnant Lothar von Trotha war die Vernichtung der Herero. Im Zuge des Aufstands sollten alle in die Wüste getrieben werden, was deren sicheren Tod bedeutet hätte. Die Rede war von einem „Rassekrieg“. Von Trotha erließ einen Vernichtungsbefehl, der später von der deutschen Regierung aufgehoben wurde. Herero und Nama wurden dann in so bezeichnete Konzentrationslager interniert, wo sie Zwangsarbeit verrichten mussten. Nur etwa die Hälfte der Internierten überlebte².

Über von Deutschland begangene Verbrechen gegen die Menschlichkeit hören Rechte äußerst ungern. Vor allem, wenn es in der „Lügenpresse“ steht oder einem von den „Linksgrünversifften“ vorgeworfen wird. Da zimmert man sich lieber seine eigene Realität und wirft anderen wiederum Desinteresse an „historischen Zusammenhängen“ vor. Belegen muss man das ja heutzutage eh nicht mehr bzw. man sieht dazu keine Veranlassung. Willkommen in Deutschland 2019. Die wiederholten Zerstörungen des Bildes können durchaus als politisch motiviert gewertet werden. Das geht über Socialmedia Hetze hinaus. Die Bezugnahme auf Geflüchtete und die durchaus provokative Verknüpfung mit der deutschen Kolonialherrschaft mit dem Spruch „sie kamen übers Meer“ kann als Versuch sich politisch zu positionieren verstanden werden. Das geschieht hier wohl anders als beabsichtigt und bezeugt eine Verrohung des politischen Diskurses, sowie eine Ignoranz von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und historischen Tatsachen, wenn jede Kritik oder jeder Hinweis auf deutsche Verbrechen als Angriff auf das deutsche Selbstwertgefühl angesehen wird.

¹ https://www.historeo.de/datum/1904-herero-aufstand
² https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2010/04/Kolonialismus/komplettansicht