Erinnern und handeln! Lagergemeinschaft Dachau positioniert sich zur Katastrophe in Moria

In einer Pressemitteilung vom 12.09.20 ergreift die Lagergemeinschaft Dachau Position zu den katastrophalen Zuständen in Moria nach dem das dortige Geflüchtetenlager – das größte seiner Art in Europa – angebrannt ist. Sie fordert, dass tausende Menschen in der BRD aufgenommen werden sollen.
„Derzeit leben Hunderttausende von Menschen unter katastrophalen Bedingungen in elenden Flüchtlingslagern an den Außengrenzen Europas. Diktatoren wie Erdogan oder die sogenannte libysche Küstenwache werden von der EU finanziert, um Flüchtende am Grenzübertritt in die EU zu hindern. Die Situation in diesen Lagern ist zutiefst menschenunwürdig und dramatisch. Insbesondere in Griechenland ist die EU direkt dafür verantwortlich. Die Corona-Pandemie hat die Situation verschärft und erfordert schon seit Monaten Maßnahmen zum Schutz und für die Sicherung der Gesundheit der Geflüchteten. Dennoch haben die EU und die Bundesregierung nichts Wesentliches unternommen, um Abhilfe in Gang zu bringen.

Wir verlangen
• Die gefährlichen Lager an der EU-Außengrenze und in Griechenland müssen aufgelöst und die Geflüchteten evakuiert, dezentral untergebracht und versorgt werden.
• Die Bundesrepublik Deutschland als reichstes und politisch mächtigstes Land in Europa, das sich mit den Dublin-Regelungen Jahrzehnte lang abgeschottet hat vor der Verantwortung, Schutzsuchende aufzunehmen, muss endlich Verantwortung übernehmen und vorangehen bei einer menschengerechten Asylpolitik.“

Fest steht allerdings auch, dass sich in Moria manifestiert, was Europa bzw. die EU ausmacht: Ein abgeschottetes Territorium des Wohlstands, in das die, die von außen kommen keinen Zutritt haben. Nicht wenn sie auf der Flucht vor Krieg und Armut sind, auch nicht wenn sie an den Außengrenzen der EU auf offenem Meer ihr Leben aufs Spiel setzen. Schon vor dem Brand waren die Zustände auf Lesbos aus humanitärer Sicht katastrophal, mit einer Toilette auf 200 Menschen und einem Wasserhahn für 1300 Menschen. Als die Corona Pandemie begann dachte auch niemand darüber nach Moria zu evakuieren. Nach dem Brand schickte die griechische Regierung Polizei und Wasserwerfer statt Trinkwasser und Proviant. Es verwundert nicht, dass die EU Länder wochenlang „keine Lösung“ finden. Es entspricht schlicht und ergreifend nicht dem politischen Willen. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte.

Die Lagergemeinschaft Dachau als Überlebende der NS Herrschaft stellen die jetzige Situation in den Kontext der Konferenz von Evian 1938 als 32 Staaten über die Aufnahme von Jüdinnen und Juden aus Deutschland berieten. „Das Ergebnis war fast Null. Tenor der Staaten: Wir sind kein Einwanderungsland, wir könnten dadurch vor Probleme gestellt werden. Die Argumente damaliger und heutiger Politiker gleichen sich, wenn es darum geht, Menschen nicht zu retten und Hilfe zu versagen.
Hunderttausende Menschen hätten in der NS-Zeit gerettet werden können. Stattdessen wurden die meisten Menschen, die Flucht wagten, an den Grenzen verhaftet und ins Nazireich zurückgeschickt. Der Weg in den Holocaust hat auch diese Vorgeschichte.

Mit Nie wieder war eine Anzeige der Bayerischen Regierung überschrieben, die anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung von Faschismus und Krieg Anfang Mai in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist. Von Versagen in der Vergangenheit war die Rede und vom guten Vorsatz für die Zukunft. Schließlich gehört Erinnerung an die Verbrechen der Nazizeit zu den Aufgaben des Staates auf Länder- und Bundesebene und in der ganzen Gesellschaft.“ Bezogen auf das Nie wieder fordern sie:
„Nie wieder sollen Menschen daran gehindert werden, Schutz und Sicherheit zu erlangen. Nie wieder sollen sie in Elend, Terror und in Krieg abgeschoben, zurückgedrängt werden.“ Denn „wir Überlebende, Angehörige und Nahestehende von ehemaligen NS-Opfern sehen es als unsere Verantwortung, die Aussage der ehemaligen Häftlinge „Nie wieder“ ernst zu nehmen und ihre glaubwürdige Umsetzung einzufordern.“