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Lebensweisen revolutionieren, Kriegszustand - Normalzustand

Krieg besteht nicht nur in tatsächlichen Kampfhandlungen, sondern in einem Zeitraum – das ist der Kriegszustand … Der Zeitraum bezeichnet also den Zustand und nicht die Schlacht.“1

Es reicht nicht, zu analysieren, warum gerade in welchem Land Bomben fallen und welche Paramilitärs soziale Strukturen niedermetzeln, wer die größten Kriegsgeschäfte tätigt und welche Militärhaushalte ausgebaut werden. Der Frieden hier ist Teil des Kriegszustandes – und eben nicht seine Auflösung. Krieg beginnt nicht mit dem Griff zu den Waffen. Er wird in der Normalität vorbereitet: In strukturellen und alltäglichen Polarisierungen, Ungleichheiten und Ausschlüssen, in medialen und politischen Diskursen, in den persönlichen Denkweisen, die die eigene Normalität als einzige und einzig richtige Wirklichkeit sehen, in der Ausblendung und Verleugnung anderer Wirklichkeiten. Rassismen, Sexismen2, das Prinzip der Überlegenheit über andere – Normalzustand? Wir sehen in den ganz normalen patriarchalen Geschlechter-Verhältnissen eine Basis für Militarisierung und Krieg. Die systematische Nichtbenennung begreifen wir als Reproduktion von Herrschaft.

Viele neue Kriege – immer zwei Geschlechter

Ob Low-Intensity-Kriege in Lateinamerika, ob der globale Krieg um Hegemonie unter dem Etikett „Krieg gegen Terror“, ob Kriege in ethnisierter Form, wie beispielsweise im ehemaligen Jugoslawien – so unterschiedlich die neuen Kriege sind, sie alle haben eine wesentliche, kaum wahrgenommene Realität: Sie nutzen patriarchale Geschlechterverhältnisse und sie stellen sie her. In allen Kriegen sind Vergewaltigungen Kriegssystem. Überall dort, wo Verhältnisse militarisiert werden, verschärfen sich noch einmal polarisierte Geschlechterbilder und -hierarchien: Gewalt gegen Frauen, Vergewaltigungen, Prostitution, Frauenhandel und Frauenverachtung nehmen zu.

Der Irak-Krieg, der als beendet gilt, hat aus dem Land eine „No-woman-zone“3 gemacht: 80 Prozent der Mädchen gehen nicht mehr in die Schule aus Angst vor Gewalt, Vergewaltigungen und Entführung; Frauen und Mädchen werden verkauft und ermordet. Die US-amerikanische Besatzungsmacht im Irak ignoriert dies nicht nur, sie fördert dies: Trotz des Wissens darum, arbeitet sie mit frauenverachtenden politischen Gruppen und Clanführern gezielt zusammen, um ihre Macht zu festigen: „Der Preis dafür ist die Freiheit der Frauen.“4 Das funktioniert, weil Frauen strukturell zum Schweigen gebracht sind. Doch es geht nicht allein um Frauen. Krieg und Kriegsdiskurse bauen auf der Ausblendung und Verleugnung von Wirklichkeiten und anderen Möglichkeiten auf. Dies zum Beispiel durch Schaffung polarisierter Geschlechtercodes und -realitäten.

Patriarchale Geschlechterverhältnisse machen Sinn: für Kriege und im globalen Neoliberalismus

Es ist kein unerwünschter Nebeneffekt, wenn Frauen im Irak nicht mehr auf die Straße gehen können. Geschlechter-Polarisierungen und -hierarchien sind Gleitmittel für die Transformation zu Gewalt und Militarisierung. Zum Beispiel in folgenden Hinsichten:

• Kriege zielen auf die Herstellung, Restauration und auf die Kontrolle von Ungleichheiten. „Sexuelle Gewalt und geschlechtsspezifische Repression gegen Frauen ist ein konstitutives Element zur Durchsetzung und Aufrechterhaltung einer auf Autoritarismus, Gewalt, Kontrolle und Exklusion basierenden lokalen Ordnung.“5

• Geschlechtsspezifische Arbeitsteilungen und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Bewertungen tragen dafür Sorge, dass die Reproduktion unsichtbar erledigt wird. Damit sind wichtige Voraussetzungen für den Wahnsinn der Profit- und Kriegsmaschinerie bereitgestellt, ohne dass sie an den entscheidenden Stellen zählen.

• Die Naturalisierung von Zweigeschlechtlichkeit garantiert, dass jederzeit komplementäre Männlichkeiten und Weiblichkeiten aufgerufen werden können. Als Bilder, als Selbstentwürfe sind diese wesentliche Faktoren für die Mobilisierung zu und für die Legitimierung von Krieg, Militarisierung und Gewaltanwendung: Ob die Befreiung der Frauen in Afghanistan, ob die inszenierte Befreiung einer US-Soldatin durch männliche US-Soldaten im Irak-Krieg, zuverlässig kann auf Geschlechterstereotype zurückgegriffen werden.

Privatsachen, unpolitisch

Linke Antikriegspolitik diskutiert Geschlechterverhältnisse – wenn überhaupt – lediglich als Exzess, als Kriegsfolge, als Nebeneffekt und macht sie so zur Frauensache. Dies sind sie nicht. Mit dem Schweigen über die Geschlechterverhältnisse – und das meint auch das geschlechtsneutrale Reden über geschlechtsspezifische Verhältnisse – verschwinden nicht nur die Frauen aus dem Bild, sondern ganze gesellschaftliche Bereiche und Fragen fallen damit aus der Skala der politischen Wichtig- und Wertigkeiten. Die Frage nach dem Alltag zum Beispiel wird systematisch ausgeblendet. Die Frage danach, wie Menschen (vielfach Frauen) das Leben und die Reproduktion in einem sozial und ökologisch zerstörten Land organisieren, hat wenig Spektakuläres. Privatsache, unpolitisch. Auch der Kriegsbegriff der Linken reproduziert mit dem Fokus aufs Militärische – Bomber, Bomben, Soldaten, Kämpfe, Kriegsgeschäfte, Militärhaushalte – diese Wertigkeiten und Koordinaten.6 So wird eine Normalität fortgeschrieben, in der die Herstellung patriarchaler Geschlechterverhältnisse als zentrales Moment des Kriegszustands unsichtbar und unfassbar bleibt.

Radikal gegen jeden Krieg: Revolutionieren wir unsere eigene Lebensweise

Was heisst es, den feinen Momenten der Herstellung des Kriegszustandes auch hierzulande Beachtung zu schenken?

• Sozialkürzungen, Konkurrenz, Existenzängste: Was bedeutet es, in einer Gesellschaft zu leben, in der die eigenen Handlungsmöglichkeiten strukturell und konkret immer mehr auf der individuellen Überlegenheit über andere basieren? Was macht das mit den Sinngebungen und Lebensentwürfen? Was macht das mit Hoffnungen und Fantasien, mit unseren sozialen und politischen Bezügen?

• Kein Blut für Öl! – Kein Blut für Handys?7 Was bedeutet es, in einem Überentwicklungsland zu leben, in dem die Lebensweise auf dem Zugriff und auf der Kontrolle der Ressourcen anderswo basieren?

Dass konkrete Geschlechter- und Lebensverhältnisse oftmals aus dem Anti-Kriegswiderstand ausgespart bleiben, hat sicher auch den Grund, dass sie nahe gehen: nah an die eigene politische Substanz, nah an das eigene Leben, an die individuellen (vergeschlechtlichten) Selbstverständnisse und Gewissheiten. Wenn wir Ängste, Konkurrenz, persönliche Überlebensstrategien nicht individualisieren, sondern als Ausdruck des Kriegszustands im Globalen Norden fassen, wie würde sich Widerstand gegen Krieg dann auch als Prozess mit- und untereinander gestalten? Wir wünschen uns, dass solche Auseinandersetzungen Teil des Antikriegswiderstands werden, wir sehen darin eine Radikalisierung. Wagen wir uns aus alten Formen hinaus an neue Fragen und Utopien heran.

Antipatriachales Netz, Berlin / Ariane Brenssell

1 Michel Foucault: In Verteidigung der Gesellschaft, Ffm. 2001.
2 Gewalt gegenüber Frauen, bzw. den polaren, heteronormativen Geschlechtervorstellungen nicht entsprechenden Menschen, z.B. Hermaphroditen, Transgender, Lesben.
3 Yanar Mohamad (Organisation der Freiheit von Frauen im Irak) in Forward-Brief Nr. 14, 10.9. 2003.
4 Siehe Fußnote 3
5 Matilde Gonzales: Nachhaltig zum Schweigen gebracht. Paramilitarismus, Gewalt und Geschlecht in Guatelamala; in: Azzellini u.a. (Hg.): Das Unternehmen Krieg. Berlin 2003.
6 Verkürzungen solcherart gibt auch in feministischen Ansätzen, die Konstruktionen polarer Zweigeschlechtlichkeit beibehalten und lediglich die Wertung verändern. Queere-Ansätze dagegen, die Zweigeschlechtlichkeit als Konstrukt kritisieren, verknüpfen dies kaum mit dem Antikriegswiderstand.
7 Coltan ist ein seltenes metallisches Element, das für Mobiltelefone gebraucht wird, 80% der Weltproduktion stammt aus dem Kongo. Die Rohstoffplünderung durch transnationale Firmen ist ein treibender Grund für den anhaltenden Krieg dort. Weltmarktführer in Sachen Coltan ist die Tochterfirma von Bayer: H.C. Starck, Sitz in Goslar.


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