Chronik 2010

In der zweiten Januarwoche wird die Gedenkstätte am ehemaligen „SS Schießplatz“ in Hebertshausen geschändet. Das Mahnmal sowie mehrere Gedenktafeln werden besprüht. Ein rechtsextremer Hintergrund lag allem Anschein nach nicht vor. Die Täter_innen sind der Sprayerszene zuzurechnen, sie hinterließen das Kürzel „BGS“. (Quelle: Dachauer SZ, Antifa)

Seit Anfang März werden in Dachau massiv neonazistische Sticker verklebt. Im Gebiet um den Dachauer Bahnhof Richtung Schleißheimerstraße tauchen täglich 10 bis 20 neue Aufkleber der NPD-Jugend JN („Junge Nationaldemokraten“), der Münchner Kameradschaften „Freie Nationalisten München“, „Nationale Solidarität Bayern“, sowie Motive einer „Anti Antifa“ auf. Auch das den Titel „Schule mit Courage gegen Rassismus“ tragende Ignaz Taschner-Gymnasium wird mehrfach zum Ziel. Ende April ist ein plötzlicher Rückgang zu verzeichnen. (Quelle: Antifa)

In der Nacht vom 26. auf den 27. März wird das selbstverwaltete JUZ FREIRAUM in der Brunngartenstraße ebenfalls mit besagten Stickern beklebt. (Quelle: Antifa)

Am Nachmittag des 27. März veranstaltet eine Gruppe von 30 Punks am Dachauer Bahnhof ein Punk´s Picknick. Im Verlauf des Abends wird dort ein Punk, der sich alleine von der Gruppe entfernt, von einer Gruppe Rechter durch Faustschläge im Gesicht leicht verletzt. (Quelle: Antifa)

Während des Indersdorfer Volksfestes vom 7. bis 16. Mai tauchen zwischen Festwiese und Bahnhof Aufkleber der JN und des Kameradschaftsspektrums auf. (Quelle: Antifa)

Im Mai werden Tags einer „Gang Blue Army“ (1860) in der Unterführung der Frühlingsstraße am Dachauer Bahnhof geschmiert. Dort fordern sie einen „National Riot“. (Quelle: Antifa)

Anfang Juni wird einem 19 Jährigem Puchheimer gerichtlich eine Führung durch die KZ Gedenkstätte in Dachau verordnet. Der Jugendliche hatte im Februar während einer Busfahrt nach Puchheim eine dunkelhäutige Frau und ihr Kind mit Aussagen wie „Negerschlampe“, „Du bist eine Rassenschande“, „Mischlingskinder sind Scheiße“ bedroht. Obwohl die restlichen Insassen nicht einschritten setzte sich die Betroffene verbal zur Wehr. Daraufhin zeigte der 19 Jährige den Hitlergruß. (Quelle: Dachauer SZ, Dachauer Nachrichten)

Am 18. Juni stirbt der ehemalige Dachauer Arzt Dr. Hans Joachim Sewering im Alter von 94 Jahren. Sewering trat 1933 der SS bei und war als SS-Arzt in Schönbrunn beschäftigt. 1943 war er an der Verlegung von Behinderten ins Krankenhaus Haar beteiligt, wo sie der Euthanasie zum Opfer fielen. Sewering bestritt bis zum Schluss jegliche Verantwortung dafür. (Siehe Chronik 2008)
Seiner späteren Karriere hat es nicht im geringsten geschadet. Nach 1945 wurde er Mitglied der CSU, bekleidete das Amt des Präsidenten der Bundesärztekammer. Unter öffentlichem Druck verzichtete er 1993 auf einen Posten im Präsidialamt des Weltärztebundes. Der Berufsverband der Deutschen Internisten verlieh ihm noch 2008 seine höchste Auszeichnung. (Quelle: Dachauer SZ)

Am Karlsfelder Siedlerfest vom 26. Juni bis 5. Juli wurde ein einzelner 19 jähriger Kosovare auf dem Nachhauseweg von einer Gruppe Deutscher als „Scheiß Kanacke“ beschimpft. Der 19 jährige holte daraufhin sein Radkreuz aus dem Auto, ging damit zu der Gruppe zurück und gab dem, der ihn beleidigt hatte eine Ohrfeige. Der Geohrfeigte sprühte dann, von der Situation überrascht, mit Pfefferspray auf seinen Angreifer. Das Gericht bestrafte aber groteskerweise den Kosovaren mit einem Wochenendarrest. (Quelle: Dachauer Nachrichten)

Im Zeitraum Juni bis August hängen unregelmäßig rechte Jugendliche am Bach hinter dem Sparkassenplatz ab. Zur gleichen Zeit müssen auch vereinzelte Aufkleber des neonazistischen „Freien Netz“ aus Thüringen/Sachsen entfernt werden. Später dominieren wieder Punks und migrantische Jugendcliquen den Platz.(Quelle: Antifa)

Anfang Juli wird ein 42 Jähriger Dachauer vom Amtsgericht zu 21 Monaten auf Bewährung verurteilt, weil er seine Frau geschlagen, getreten und gewürgt hatte. Vor Gericht erscheint der wegen mehrerer rechtsextremer Delikte Vorbestrafte in einem T-Shirt mit der Aufschrift „Schwerttag ist Bluttag – Streiter Wotans“. (Quelle: Dachauer SZ)

Am ersten Wochenende des Dachauer Volksfestes sind am 7. August vereinzelt Personen aus dem rechtsextremen Spektrum anwesend. (Quelle: Antifa)

Im Gespräch mit der Lokalpresse springt der Dachauer SPD-Stadtrat (Referent für Integration) Horst Ullmann am 4. September auf einen fahrenden Zug, indem er den rassistsische, völkischen Aussagen von Thilo Sarrazin „teilweise recht“ gibt. Sarrazin hatte mit seinen Bekundungen eine Tür im bürgerlichen Diskurs aufgestoßen und rassistische Ressentiments bedient. (Quelle: Dachauer Nachrichten)

In einer Meldung vom 21. September behauptet das neonazistische „Freie Netz Süd“ auf ihrer Homepage, an der Berufsschule Dachau mit Parolen („Kein deutsches Blut für fremde Interessen“ versehene Papierschnipsel gegen die Bundeswehr geworfen zu haben. (Quelle: Antifa)

Am ersten Wiesn-Wochenende pöbelt am 24. September ein Dachauer Oktoberfest-Besucher am Bahnhof Dachau eine asiatische Frau mit den Worten „Drecks Schlitzaugen“ an. Die Rechnung kam jedoch prompt: Ein Jugendlicher wirft ihm einen vollen Cola Becher ins Gesicht und verschwindet in der S Bahn. (Quelle: Antifa)

Ebenfalls am 24. September wird am Josef Effner Gymnasium Dachau eine Toilettenkabine im Jungenklo mit Hakenkreuz und neonazistischen Parolen („Entweder Juden und Türken gehen freiwillig oder wir helfen ihnen. Nazis haben recht. Wir töten euch. Raus“, „Tötet alle Juden und Türken“ beschmiert. Die Schule schaltet den Staatsschutz ein. (Quelle: Antifa, Dachauer SZ)

Am 15. Oktober meldet das neonazistische „Freie Netz Süd“ Flugblätter in Allach verteilt zu haben. Darin fordern sie „Keinen Cent für Griechenland“. (Quelle:Antifa)

Nach einem wissenschaftlichen Symposium zur Verstrickung der katholischen Kirche in das „Euthanasie-Programm“ der Nazis in Schönbrunn am 28. Oktober gerät das dortige Franziskuswerk schwer unter Druck. Mit einer Arbeit der LMU Mitarbeiterin Annemone Christians werden bereits gängige Annahmen durch vorherige Forschungen noch weiter untermauert, dass der damalige Direktor Prälat Josef Steininger mit den Nazis kooperierte und wusste, dass die Deportationen von geistig behinderten Menschen aus Schönbrunn nach Haar deren Tötung zur Folge haben würde. Auch die Rolle des kürzlich verstorbenen SS Arztes Hans Joachim Sewering kommt zur Sprache. Er soll an neun Deportationen nachweislich beteiligt gewesen sein, was dieser bis zu seinem Tod im Juni 2010 kategorisch abstritt (siehe oben bzw. Chronik 2008). Von über 1000 Bewohner_innen 1939 überlebten 1945 nur 293 die Euthanasie. Das Franziskuswerk an der Prälat Steininger Straße in Schönbrunn ist mit über 1000 Beschäftigten einer der größten Betriebe im Landkreis Dachau und feiert dieses Jahr sein 100 jähriges Bestehen. (Quelle: Süddeutsche Zeitung)

In einem ausführlichen Artikel in der Dachauer SZ vom 2. November werden die Kooperationen von Prälat Steininger und Sewering mit den Nazis präziser verdeutlicht. Steininger habe sich bereits vor dem Beginn des „Euthanasie-Programms“ 1940 der Nazi-Herrschaft bei Zwangssterilisationen von geistig behinderten Menschen „als Vorbild“ gezeigt. Weiter: „Sicher ist nach den nun vorliegenden Forschungsergebnissen nur eines: Weder Steininger noch Sewering versuchten jemals Leben zu retten.“ Landrat Hans Jörg Christmann (CSU) wollte sich zu den Vorwürfen gegen seinen Parteikollegen nicht äußern. Nur, dass er ihn als „väterlichen Freund“ in Erinnerung habe. (Quelle: Dachauer SZ)

In der Nacht vor dem Neonaziaufmarsch am 13. November in München werden am Petershausener Bahnhof Sticker mit der Aufschrift „Antifa Gruppen zerschlagen“ verklebt. (Quelle: Antifa)

Ein 19 jähriger Schüler hatte im Rahmen des Kunstunterrichts ein Hakenkreuz auf braunem Untergrund gemalt. Bei der Gerichtsverhandlung im November beteuerte er kein rechtes Gedankengut zu pflegen. Der Jugendrichter lässt das Verfahren im Einvernehmen mit der Staatsanwältin einstellen. Der Schüler muss nur 100 Euro an die Lagergemeinschaft Dachau zahlen und an einer Führung durch die KZ Gedenkstätte teilnehmen. (Quelle: Dachauer SZ)