„Die Stadt Dachau ist somit heute völlig judenfrei“: Gedenken an die Novemberprogrome in Dachau

Zwei Dutzend Antifaschist_innen begaben sich am Abend des 6.11.2018 zu den Stolpersteinen in der Hermann-Stockmann Straße. Anlässlich des 80. Jahrestags der Novemberpogrome wurde den vertriebenen und in der Folge vielfach ermordeten Jüdinnen und Juden aus Dachau gedacht. An Ort und Stelle wurden Biographien von Vera und Hans Neumeyer, Julius Kohn, Alice und Johanna Jaffe, Max und Melly Wallach vorgestellt.

„In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 initiierte das NS Regime einen reichsweiten antisemitischen Exzess. Es wurden tausende Wohnungen und Geschäfte von jüdischen Bürger_innen geplündert, über 1400 Synagogen zerstört und niedergebrannt. 400 Menschen wurden in den Tagen der Novemberpogrome ermordet, an die 30.000 in die Konzentrationslager Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald deportiert. Ihr gesamter Besitz wurde beschlagnahmt“, schreibt das Antifaschistische Infocafé in einer Ankündigung. In Dachau wurden am Abend des 10.11.1938 insgesamt 15 Menschen von Angehörigen der Dachauer NSDAP per Hausbesuch dazu aufgefordert die Stadt bis Sonnenaufgang zu verlassen. „Die Stadt Dachau ist somit heute völlig judenfrei“ meldete der Dachauer Bürgermeister Hans Cramer später der NSDAP Kreisleitung. Gleichzeitig waren im Zuge der Pogrome 11.911 Jüdinnen und Juden im Konzentrationslager Dachau inhaftiert.

Neben der Rekonstruktion der Ereignisse wurde eingangs auch auf die Festigung der NS Herrschaft nach der Machtübertragung 1933, die Auslöschung des antifaschistischen Widerstands und die antisemitischen Verordnungen und Gesetzgebungen bis zu den Nürnberger Rassengesetzen von 1935 eingegangen. Ein Haushaltsdefizit des NS Staates 1938 und die Kriegsvorbereitungen stellten einen Aspekt im Vorfeld der Pogromnacht dar. Neben dem Raub an Vermögen und gezieltem aus Rassenwahnsinn entsprungenen Terror, markiert der 9.11.1938 ein bis heute unfassbares Beispiel an deutscher Gründlichkeit. Dennoch waren die Novemberpogrome vielerorts kein Anlass für Gedenken im Nachkriegsdeutschland. In Dachau erst recht nicht.

Die erste Gedenkveranstaltung fand im Jahre 1988 statt. Die Initiator_innen mussten die Stadt förmlich dazu drängen eine Ausstellung im Rathaus durchführen zu können. Und doch wollte die Stadt nicht offiziell als Mitträgerin auftreten. Dies sei „nicht zweckmäßig“. Auch das Anbringen einer Gedenktafel bzw. -tafeln für die Jüdinnen und Juden aus Dachau schaffte es in seiner heutigen Form erst im dritten Anlauf durch den Stadtrat. Lieber kämpfte der CSU Fraktionsvorsitzende im Dachauer Stadtrat Manfred Probst im selben Zeitraum „bis zum letzten Blutstropfen“ gegen die Errichtung eines Jugendbegegnungszentrums zur geschichtlichen Aufarbeitung. Es sollte bis 1996 dauern bis die Stadt Dachau offiziell der Novemberpogrome gedachte, bis zur Eröffnung des Jugendgästehauses noch weitere zwei Jahre. Es hat lange gedauert bis der heutige „Lern- und Erinnerungsort“ lernte sich zu erinnern.

Nichts ist vergeben – niemand ist vergessen